Ein alter Holunder und die Kunst, wirklich hinzuschauen

Holunder bei LausitzLiebe Frau Holle

So, das ist das Experiment heute.

Ich stehe vor einem Holunderbusch. Der ist alt. Richtig alt. Und während ich anfange, ihn zu beschreiben, fangen im Hintergrund die Glocken an zu läuten. Ob das ein Zeichen ist? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. 

Du bist beim Blog Lausitzliebe – dein Blog für Natur und Umwelt aus und für die Lausitz. Ich bin Jana, dein Host hier. Und heute machen wir mal etwas anderes. Ich lade dich ein, einfach bei einem Strauch zu bleiben. Länger als du es normalerweise tun würdest. Nicht um irgendwas damit zu machen, sondern einfach, um ihn anzuschauen.

Ich habe mir dafür den Holunder ausgesucht. Einen alten. Der steht hier, und ich glaube, er steht schon eine ganze Weile.

Was ich sehe, wenn ich mich ihm nähere

Aus dem Boden kommen fünf, sieben, vielleicht auch mehr Stämme. Manche so dick wie ein Oberschenkel. Daneben dünne, schmale, ungefähr so wie ein Handgelenk. Die kommen zum Teil direkt aus dem Boden, zum Teil wachsen sie aus den dickeren Stämmen heraus. Das Ganze wächst ein bisschen kreuz und quer, weil der Strauch schon oft beschnitten worden ist. An den Stellen, wo er beschnitten wurde, sind gleich mehrere neue Äste herausgekommen. 

Die Rinde auf den Hauptstämmen ist tief gefurcht. Richtig tief. Wenn du dir ein Luftbild von einem Fluss vorstellst, der ins Meer fließt – mit Sandbänken, Verzweigungen, diesen unregelmäßigen Mustern – so sieht das aus. Und rau ist sie. Wenn du die Hand drauflegst, spürst du das sofort. An den Stellen, wo er schon mal beschnitten wurde, ist die Rinde gut ein bis zwei Zentimeter dick.

Blätter gibt es noch keine. Aber Knospen. Die stehen jeweils am Ende der Zweige, meistens zwei, ein bisschen v-förmig voneinander abgespreizt. Und dann noch gegenständig an den Ästen, immer eins rechts, eins links, eins rechts, eins links. Fachleute nennen das gegenständig.

Was der Holunder noch zu erzählen hat

Es gibt auch schon abgestorbene Äste. An denen blättert die Rinde ab, und darunter sieht man Gänge. Von Insekten, würde ich sagen. Ob die noch da drin wohnen, weiß ich nicht. Ich stecke meinen Finger lieber nicht rein.

Kleine braune Pilze haben sich an den verletzten Stellen eingenistet. Sie sehen aus wie immer wieder gefaltetes Tuch, das in Wellenbewegungen am Holz entlang wächst. Kleiner als mein Daumen. Und Flechten gibt es auch: eine hellgrüne und eine dunkelgrüne, die fast schon wie Moos aussieht. Manche Äste sind fast komplett damit bedeckt.

Es regnet heute, und an den Ästen hängen Tropfen. Halbrund. Sie spiegeln mich und die Umgebung wider, falsch herum, umgekehrt. Ich sehe mich also auch am Holunder. 

Frau Holle wohnt im Holunder

Der Volksglauben sagt: Nähere dich dem Holunder immer mit Respekt. Denn im Holunder wohnt Frau Holle. Geh nicht einfach ran und fass da irgendwo an. Nimm dir einen Moment. 

Das mag etwas seltsam klingen, aber wer weiß: Vielleicht ist es eine gute Idee, wenn wir auch so was wie Bäume und Sträucher mit Respekt betrachten und einfach mal virtuell fragen, ob eine Annäherung ok wäre. Dann schauen wir anders hin. Aufmerksamer. Langsamer. Und genau darum geht es mir heute.

Was du mal ausprobieren kannst

Such dir eine Pflanze aus. Irgendeine. Einen Strauch im Vorgarten, eine Blume auf dem Weg zur Arbeit, einen Baum am Wegrand. Du musst den Namen nicht kennen. Das ist wirklich egal.

Und dann bleib einfach mal stehen. Länger als gewöhnlich. Und beschreib, was du siehst. Wie sieht die Rinde aus? Welche Farben hat sie? Gibt es Insekten, Flechten, Beschädigungen, Knospen?

Wenn du das beschreibst, was du siehst, schaust du anders. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Ich werde über das Jahr immer wieder zu diesem Holunder zurückkehren. Schauen, wie die Blätter kommen. Ob er blüht. Ob es Hollerbeeren gibt. Ich weiß es noch nicht – aber ich freue mich drauf.

Und wenn du magst, schreib mir, welche Pflanze du dir zum Freund gemacht hast.

Warum LausitzLiebe?

Ich hoffe, du hattest Spaß und Freude an diesem Bericht. Mein Anliegen ist es, mit diesen – übrigens recht aufwändigen Berichten und Folgen, noch mehr Menschen für die Natur hier in der LausitzLiebe Region zu interessieren und zu begeistern. Wenn mir das heute gelungen ist, ist alles gut. Wenn du diese Folge unterstützen möchtest, dann Like sie, gib 5 Sterne, teile die Folge und empfehle LausitzLiebe Podcast gern an Menschen weiter von denen du weißt, dass sie die Natur in der Lausitz ebenso lieben wie wir beide. Nun verabschiede ich mich von dir, und wünsche dir wie immer ganz viel LausitzLiebe. Deine Naturpilgerin Jana Wieduwilt