Und arbeiten

Und arbeiten

Nachdem ich mein wunderbares, mittel-healthy Pilgermenü verdrückt habe. Jaaa, ich weiß, in Spanien isst man nicht vor 20 Uhr, hat mir ja schließlich gerade José erzählt. Aber ich hab JETZT Hunger. Und der Laden hat offen, da ist eine sehr freundliche Inhaberin, die richtig, richtig fröhlich ist – und ordentlich Stimmung macht.

Jedenfalls darf ich bei freiem Wifi und Wein sitzen bleiben, auch als mein Essen vorbei ist. Heute bin ich heilfroh, wenigstens die Restfragmente meines guten Spanisch ausgraben zu können. Das öffnet Türen. Und so schreibe ich heute meinen Blog, während die Dorfbewohner sich an der Bar von Frau Fröhlich ordentlich einen geben. Entsprechend laut ist es natürlich. 

Dazu läuft „Macarena“, na was willste eigentlich mehr?

Llegando

Llegando

Angekommen. Mit Hilfe von Claudia und Norman bin ich endlich in Puente la Reina gelandet. Ein hübsches Städtchen, ungefähr so belebt, wie Lauchhammer nach 20 Uhr. Aber sehr hübsche Häuser. Eine Pilgerherberge, in der gefühlt alle, die mich heute überholt haben, eingecheckt sind – seeerhr wenig Intimsphäre. Aber ich habe es geschafft. Und der Herbergsvater gibt mir noch den ultimativen Tipp, wo ich ein Pilgermenü für nen kleinen Taler kriege. Super!

Ach da ist noch José, ein sehr hektischer Spanier, der den Weg schon zum 2. Mal geht. Er stammt aus Logrono und kennt alle (!) Orte am Weg auswendig! Er sagt mir, dass in Leon, wo ich hoffentlich auf dieser Tour noch ankomme, die einzige Mutter Gottes (Maria) schwanger als Altarbild dargestellt ist. Interessant. Ebenso interessant ist der 16 Mann Schlafraum. Egal, eine Alternative gibt es nicht. Daher bin ich froh, dass ich angekommen bin.

Der Weg gibt dir, was du brauchst

Der Weg gibt dir, was du brauchst

Ich bin ja überhaupt NICHT abergläubisch. Nein! Keineswegs. Aber was würdet ihr denn so sagen, wenn euch, wenn ihr endlich aus der Stadt raus seid, ein wunderschöner Regenbogen erscheint? Sooo schön. Also der Weg meinte wahrscheinlich, es lohnt sich. OK. Kann sein. Bergauf bin ich dann schon gar nicht mehr so sehr davon überzeugt, dass dies eine gute Idee war.

Als echtes Faultier – oder Schnecke oder was immer ihr für ein Synonym für langsam im Kopf habt, hatte ich bei dem wirklich steilen Anstieg, ungefähr alle 3 Meter eine Pause einzulegen. Zwischendurch hatte ich die Idee, meinen Schlafsack einfach auszufalten und da zu bleiben. Aber der Weg gibt dir, was du brauchst.

Da überholte mich eine junge Frau (britisch-spanischer Herkunft) namens Claudia – und textete mich recht intensiv zu. Während ich versuchte, ihr von mir auf Spanisch zu erzählen und ihr zuzuhören, was sie über ihren Trip nach Indien letzten Monat erzählte, war der Berg fast erklommen. Euphorisiert stürzte ich mich auf die restlichen lächerlichen 14 Kilometer. Und die sind lang.

Zwischendurch fand ich eine Bank, machte eine super Pause – und den Fehler, die Schuhe auszuziehen. Autsch. 2 Blasen. No me gustá! Not at all. Aber ich schleppe ja nicht nur meine Arbeitsmaterialien sondern auch ein wunderbares Sortiment an Blasenpflastern mit mir herum! Habe ich drauf gemacht. Allerdings wurde dann aus dem Faultier ein Slow-Mo-Faultier, mit steifen Gliedmaßen, denn inzwischen hatte ich gemerkt, dass ich offenbar auch „Knie“ hab.

Mit letzter Energie erreiche ich die Stadt in der meine tolle PilgerApp eine bemerkenswert attraktive Herberge vorausgesagt hat. Zwischendurch treffe ich einen Pimpf, der Steppke fragt mich, wo ich her komme. Ich: „Pamplona“ – in der Hoffnung, bei dem Jungen etwas Bewunderung hervorzurufen. Was sagt der freche Kerl: „No es tan lejos.“ Nicht weit! Von wegen. Was weiß denn die heutige spanische Jugend! Nichts übers Pilgern! So was. Naja, dachte ich.

Wenige Meter bis zur Herberge. Kann mir doch egal sein, was der frühpubertierende Teenager da von sich gibt. Ich schleppe mich mit letzter Kraft zur Herberge, klingele. Puh, Glück gehabt, es geht jemand ran. „Tut mir leid, wir öffnen NÄCHSTE WOCHE!“ Tschüss. OK. So viel zum Thema Pilgerführer. In dem stand: ganzjährig geöffnet. Ich also weiter. Noch mehr. Quasi XXL-Slo-Mo-Faultier. Und mit einer ganz gedrückten Stimmung. Hach, die ganzen fröhlichen Pilger. Die können mich mal. Ich kann nicht mehr! Sch.. Idee. Ich habe komische Stellen, an denen wohl vom Frühstückstoastbrot Muskeln gewachsen sind. Und Knie.

Dann labert mich wieder so ein Typ an. Buenos tardes. He? Soll Buen Camino sagen, außerdem habe ich keine Lust auf Text. Also knurre ich ihn etwas an. So was wie: Ich fühle mich beschissen, ich bin müde und hungrig und habe Durst. Und außerdem brauche ich WiFi. Er sagt sehr charmant. Mir auch. Das hat ihn mir etwas sympatischer gemacht. Norman, Amerikaner, Farmer, und ebenso fußlahm wie ich, beschwerte sich, dass ihn auf diesen Weg, wegen seines amerikanischen Akzentes eh niemand verstehen würde. Worauf ich relativ relaxed: „Aber ich schon“, antworten konnte.

Schnell stellte ich fest, dass sein finsterschwarzer Humor dem meinem in dieser Situation gut entsprach. Und so gingen wir jammernd den Weg nach Punte la Reina gemeinsam. Immer in einer Situation, in der ich fast aufgeben wollte, hat mir der Weg etwas oder jemanden geschickt, der mir half, durchzuhalten. So wurden es 25 km. Das hätte ich nicht gedacht!

Ich bin Bummelletzter

Ich bin Bummelletzter

Stellt euch mal vor, ihr geht wandern. Und seid ungefähr so langsam wie ein Faultier. Habt ihr schon mal ein Faultier gesehen? Das bewegt sich ernsthaft in Zeitlupe. Habe ich schon mal 2 oder 3 Stunden zugesehen, wie es in Venezuels die Straße überquert hat. So ungefähr (wie das Faultier), nur nicht so geschmeidig, kam ich mir heute vor. 

Denn nach der hübschen und durchaus angenehmen Stadtdurchquerung Pamplonas kamen erst recht nette Landschaften und dann BERGE. Also ich meine, richtige Berge. Ungefähr wie die Kmehlener Berge. Nein, eher wie der Fichtelberg. Also verflixt bergig! Vor allem bergauf ist so gar nicht mein Fall. Da bin ich in die Faultier-Tempo-Zone verfallen, während dynamische Pilger mich frohgemut leichten Schrittes überholten. So was dynamisches, Hmm. Naja, man grüßt sich mit „Buen Camino“ oder mit“Hola“. Mein Gehirn war während der Faultierphase unfortunately auch auf LAAANGSAAAM geschrumpft, so dass meine Antwort dann kam, als die dynamischen Pilger schon fast verschwunden waren! Ich antworte: „A ti tambien“. 

Aber so leicht wie ich das jetzt hier hinschreibe war das nicht. Herauszufinden und in meinem Gehirn nachzukramen, welches die höflichste Erwiderung ist, hat auch ein paar Faultier-Berge gekostet. Jedenfalls war der Plan – mein Plan, max. 15 Kilometer zu gehen. Aber der Weg meinte, ich soll noch mal 10 drauf legen. Auf dem Bild ist der BERG, den ich zu erklimmen hatte.

img_5093

Naja.

Naja.

Frühstück. Also ich weiß ja, dass ich pilgern bin. Aber healty food ist anders: Frühstück in der Pilgerherberge bedeutet Toast. Und Scheibletten-Käse. Also, ich bin nicht anspruchsvoll. Aber Scheibletten sind so ziemlich das chemischste was ich mir vorstellen kann. Aber die Butter war gut! 

Nach dem Frühstück, bei dem der schreiende Koreaner wegen persönlicher Befindlichkeiten nicht anwesend war, habe ich noch die motivierende Bemerkung meiner Herbergsmutter: „Der Rucksack ist zu schwer!“ und einer überaus herzlichen Verabschiedung von Herbergsmutter 1 und 2 den Weg begonnen. Ich war wie immer aufgeregt, aber guter Hoffnung. 

Die Orientierung übrigens fiel mir überhaupt nicht schwer. Überall Muscheln oder gelbe Pfeile. Das erkennt sogar so ein Großstadt-Ei wie ich. Und wenn ich mal kurz orientierungssuchend in der Landschaft herum stand, fanden sich immer Menschen (auch aus fahrenden Autos heraus), die mir gestikulierend den Weg gewiesen haben.

img_5084

Jetzt mal zurück zu den Stieren.

Jetzt mal zurück zu den Stieren.

Ich habe heute fasziniert ein Video gesehen. Die Männer hier laufen wirklich, wirklich vor den Stieren davon. „Das versteht ihr Deutschen nicht“, sagte ein Mensch, der mich dabei beobachtete. Ne. Klar. Verstehe ich auch nicht. Aber verteufeln kann ich es auch nicht. Das muss ja jeder selber wissen, wie er sein Leben aufs Spiel setzt. 

Mich fasziniert der gigantische Marketing-Aspekt des Spektakels. Und die zahlreichen Touristen, die kommen, um sich Stiere und Lebensmüde anzusehen, sind ja betriebswirtschaftlich nicht zu verachten. Ich glaube, Pamplona ist keine so reiche Stadt, obwohl außer Stieren, doch einiges an Industrie hier angesiedelt ist, VW zum Beispiel. Da hilft das schon. Und macht Pamplona unverwechselbar. Clevere Erfindung!

img_5018

Achtung. Klischee

Achtung. Klischee

Also. Ich bin jetzt 2 Tage in Spanien. Und stelle fest: Mein Spanisch lebt noch. Aber ich muss üben. Das macht sich zwar schwierig bei deutschen Herbergsmüttern und schreienden Koreanern sowie Comedian Harmonists als Beschallung. Dennoch bin ich voller Vorfreude, dass es vollumfänglich (ein schönes Verwaltungswort, nicht wahr:) wieder kommt. Jedenfalls hat man ja eine intensivere Wahrnehmung, wenn man alleine reist. 

Die Spanier sind unglaublich temperamentvoll. Sie gestikulieren großzügig! Sie telefonieren gefühlt IMMER während sie durch die Straßen laufen. Sehr, sehr geschmackvoll gekleidet übrigens! Achso, natürlich telefonieren sie laut. In Cafés sind sie sehr lebhaft und unterhalten sich äußerst angeregt. So viel Spanisch verstehe ich, um zu realisieren, dass sie sich nicht alle anschimpfen sondern normal unterhalten. Sie sind sehr kinderlieb. Und ganz oft, stehen Männer wie Frauen in Grüppchen zusammen auf der Straße und unterhalten sich. Also so ein bisschen wie „ins Dorf“ gehen. Schön.

Spanien_Damen_in_Gasse

Hemingway trifft digital native

Hemingway trifft digital native

Hemingway war fasziniert vom Stierkampf. Der Amerikaner liebte Spanien – und Pamplona inspirierte den Dichter, der seinen ganz eigenen Schreibstil entwickelte. Kunst des Weglassens. Ein bisschen habe ich mich heute wie Ernest gefühlt. Denn ich bin in seinem Lieblingscafé eingekehrt, habe Tablet und Tastatur ausgepackt und ein bisschen gearbeitet. Also schöner kannste eigentlich nicht Pause machen:)

Kommt mal mit.